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26. November 2018

TOGETHER – Bericht aus Addis Abeba

Nora Gohlke ist zur Zeit in Addis Abeba und arbeitet an einem Radio Feature über blindes Leben in Leipzig und Addis Abeba. Ihr Aufenthalt ist Teil eines inklusiven Projektes der Partnerstädte, in das auch der Förderverein involviert ist. Nora schickte uns tolle Bilder und einen kleinen Reisebericht – aber schaut und lest selbst.

„Together!“ steht in bunten Buchstaben auf dem Schild an dem eisernen Tor. Offen gibt es den Blick frei auf einen grünen Hof mit Palmen und einem zweistöckigen Haus. Ein großes Transparent hängt daran: „We work hard for the bright future of children“. Die meisten Menschen, die täglich bei Together! ein und aus gehen, haben weder das Schild noch das Transparent jemals gesehen. Als Blinde sind sie Stipendiaten der verschiedenen Ausbildungs- und Hilfsprogramme von Together!. Das Schild am Tor und das Transparent am Haus sind für die Gäste und potentiellen Sponsoren der Hilfsorganisation gedacht.

Die NGO Together! unterstützt Blinde und Sehbehinderte in der äthiopischen Hauptstadt. Seit 2012 hat sie ein umfangreiches Unterstützungssystem aufgebaut: Die NGO trainiert den Umgang mit Computern, bietet Müttern eine Ausbildung für den Haushalt, obdachlosen Frauen ein Dach über dem Kopf und hilft allen Teilnehmern der Programme bei der Jobsuche. Haben sie Arbeit gefunden, können ihre Kinder bei Together! in den Kindergarten gehen. Außerdem gibt es eine Bibliothek und mit dem regelmäßig stattfindenden „Dinner in the Dark“ wird auf die Interessen der Blinden aufmerksam gemacht.

In Äthiopien leben laut einer nationalen Erhebung von 2006 vier Millionen Blinde. Viele der Sehbehinderten kommen in die Hauptstadt, denn hier gibt es für sie die meisten der Einrichtungen: ENAB zum Beispiel, die äthiopische nationale Vereinigung der Blinden ist ein Treffpunkt für Sehbehinderte aus allen sozialen Schichten. Angestellte, Studenten, Schüler kommen hierher, aber auch Obdachlose. Die Blinden gehören in Addis zum Bild der Stadt: Viele sieht man in der Nähe der orthodoxen Kirchen, Moscheen oder an großen Straßenkreuzungen betteln.

Auf dem Land leben die Blinden meist isoliert, denn blind zu sein wird in Äthiopien oft als Strafe Gottes interpretiert – nichts womit eine Familie gern in Verbindung gebracht werden möchte. In Addis Abeba hingegen gibt es eine Gemeinschaft. Aber Addis heißt auch: löchrige Straßen, dichter Verkehr, teure Mieten und hohe Konkurrenz um zu wenige Arbeitsplätze.

Samuel Hailemariam, einer der Absolventen des IT-Programms erzählte mir, wie anstrengend die zwei Jahre waren, in denen er einen Job suchte. Zur Enttäuschung immer wieder abgelehnt zu werden, kamen die Gefahren der für ihn fremden Wege hinzu: Löcher in den Straßen, Gräben daneben, Brocken im Weg, hörbarer, aber für ihn unberechenbarer Verkehr. Er hatte ständig Verletzungen von Zusammenstößen und Stürzen. Schon allein deshalb war er heilfroh endlich eine Arbeit gefunden zu haben. Heute bewegt der Ministeriumsangestellte sich flink auf bekannten Wegen, setzt seinen Stock kurz vor sich auf, lässt ihn dann durch die Rinne neben sich streifen und biegt dann dort, wo sie endet, gewandt um die Ecke. Habtamu Shawl, ein Mitarbeiter der IT-Abteilung von Together!, orientiert sich hauptsächlich mit dem Ortungssystem seines Smartphones in der Stadt. Weiß er nicht weiter, fragt er andere Menschen. Die bieten den Blinden oft von sich aus Hilfe an, greifen ihnen beim Überqueren der Straßen unter die Arme. Die Hilfe ist nicht immer willkommen, denn viele der Bedürftigen wurden von Fremden bestohlen, Frauen sexuell missbraucht. Nach solchen Erfahrungen ist es schwer, blind zu vertrauen.

Addis Abeba ist Leipzigs Partnerstadt. Im Rahmen dieser Kooperation gibt es in den beiden Städten viele unterschiedliche Arbeitsgruppen, das Projekt bei Together zählt zu einer von ihnen. Im Februar 2018 waren bereits zwei äthiopische Kollegen in Leipzig, in den zwei Wochen in Addis Abeba stehen drei Aufgaben auf dem Plan:

Aufbau eines Studios, Workshops in Schnittsoftware und Aufnahmen für eine Radiodokumentation über die NGO Together!. Dazu ein paar kurze Werkstattnotizen:

> Für das Studio war an Technik bereits alles vorhanden, was man grundlegend für Sprachaufnahmen benötigt: Computer inklusive Monitor, ein Mikrofon, Lautsprecher, ein Audiointerface und ein Mischpult. Alles, was fehlte, wollten wir in Geschäften in Addis kaufen, fanden aber wenig qualitativ hochwertige Technik. Zusammen mit Biniam aus der IT-Abteilung richtete ich das Studio und die Sprecherkabine bei Together! ein und gab einigen Mitarbeitern eine kurze Einführung in die Studiotechnik. Für Anregungen rund um die Organisation der Aufnahmen von Hörbuchern besuchten wir das Studio bei ENAB, wo ein Techniker und Regisseur zusammen mit freiwilligen Sprechern Audio-Lehrmaterial produziert.

> An zwei Tagen gab ich für jeweils einen Vormittag ein Training mit dem Audiorekorder und -bearbeitungsprogramm Audacity.

> Für die Radiodokumentation über Together! begleitete ich die ehemaligen Stipendiaten Enanye Yalew und Samuel Hailemariam, war bei den Auswahlgesprächen für das Ausbildungsprogramm für Frauen dabei, nahm an einem „Dinner in the Dark“ sowie mehreren inklusiven Tnaztrainings teil und führte Interviews mit den Mitarbeitern von Together!

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